wpe1.jpg (3838 Byte)

TITEL01_GIF.gif (6222 Byte)TITEL02_GIF.gif (6794 Byte)
Haus der Heimat
Steingasse 25
A-1030 Wien

Tel. +43   1   718 59 05
Fax. +43   1   718 59 06

PRESSEAUSSENDUNG 2010001 vom 18.01.2010

Wien, am 18. Februar 2010

Liquidierungen in Zemun (Zelmlin) im Jahre 1944/45
Eva Holjevic berichtet als Zeitzeugin aus Serbien:
"Erinnerungen an die Geschehnisse im Herbst 1944 im
ehemaligen Jugoslawien"

Restaurant Venecija am Kai zu Zemun (Zemlin)

Eva Holjevac, eine 79 jährige Pensionistin aus Zemun, stammt aus der Familie des ehemaligen Fischers Imre Budaj und seiner Frau Stanislava Smiljanic. Heute lebt sie in der Siedlung Pregrevica, von wo aus man die Donau und den Kai von Zemun betrachten kann. Die Geschehnisse über die sie zum ersten Male spricht, ereignete sich nach der Befreiung von Belgrad und von Zemun Ende Oktober 1944. Jetzt sagt sie:

65 Jahre lang habe ich geschwiegen. Jetzt kann ich nicht mehr schweigen, mich erdrückt das Gewissen. Seid die Zeitungen begonnen haben, Geheimnisse über Liquidierungen und Massengräber der Kommunisten in Serbien zu enthüllen, habe ich mich entschlossen, mein Gelöbnis zu brechen, das ich meinem Vater gegeben hatte. Ich kann nicht mehr schweigen.

Ich war Zeuge geheimer Liquidierungen im Jahre 1944 in Zemun

Ich erinnere mich, an jenem Tag war es sehr kalt, und ich war auf dem Weg zum Schiff, um meinem Vater das Mittagessen zu bringen. Damals war ich 14 Jahre alt. Ich durchschritt gerade den Marktplatz, da erblickte ich Militärlastwagen voll gedrängt mit Menschen, deren Hände mit Drahtschlingen gefesselt waren. Sie wurden vom Militär von den Lastwagen gestoßen, fielen auf das Kopfsteinpflaster und jammerten. Ich war sehr erschrocken und lief eilig in Richtung Kai, um mich bis zum Boot meines Vaters zu schleichen. Ich konnte zum Ufer der Donau nicht direkt gelangen, denn dort, wo heute das Restaurant Venecija steht, waren tiefe Gräben ausgehoben. Schließlich erklomm ich das Boot meines Vaters und fragte ihn, warum man hier so tiefe Gräben ausgehoben hat. Mit tiefem Ernst und nahezu verärgert sagte er mir: "Es steht dir nicht zu, hier Fragen stellen! Schweig!"

So berichtet Eva Holjevac, während sie ein Foto von sich und ihrem Vater aus dieser Zeit in Händen hält. Ihr Vater, Imre Budaj, war in der Sodafabrik angestellt, aber nach einer Verletzung am Arbeitsplatz begann er sich als Fischer zu betätigen, um seine sieben Kinder ernähren zu können. Da hat ihm die kleine Eva jeden Tag, damit er das Boot nicht verlassen musste, das Mittagessen gebracht.

Als ich am darauf folgenden Tag durch den Marktplatz ging, sah ich die Menschen, die mit Drahtschlingen gefesselt waren, nicht mehr, die Gräben aber waren zugeschüttet. Als ich über den Steg das Boot bestieg, bemerkte ich, dass der Fluss blutrot gefärbt war und weißer Schaum bildete sich an seiner Oberfläche. Die Wellen haben das Blut und den Schaum an das Ufer getrieben, das vom Kalk gesäumt war. "Schau nicht hin, Eva! Pass nur auf, dass du nicht in diese Gräber abgleitest!", rief mir mein Vater zu. Auf meine wiederholten Fragen sagte mir mein Vater am Abend, dass die Kommunisten Bewohner von Syrmien und auch unsere Nachbarn gefangen genommen und sie mit Prügeln erschlagen haben. "Hier liegen unsere Paten und unsere Freunde begraben. In jedem Kriege passiert so etwas. Wenn du auch nur mit einem Finger auf gewisse Leute zeigst, weg ist dein Kopf. So lange du lebst, darfst du davon nicht sprechen, denn sonst ist auch dein Kopf weg. Und auch unsere ganze Familie!" Da musste ich dem Vater schwören, dass ich schweigen werde.

Eva Holjevac entledigt sich ihres Geheimnisses, indem sie spricht. Sie sagt, dass ihr diese Worte des Vaters geholfen haben und sie erinnerte sich daran, als sie nach dem Krieg übers Radio und von Dinko dem Trommler (Nachrichtenvermittler in Dörfern) gehört hatte, dass sich einheimischen Deutsche und Ungarn zu einer freiwilligen Arbeit melden sollten. Der alte Flugplatz sollte gereinigt werden. Sie erinnert sich aber, dass einige Bewohner aus Zemun nicht wieder nach Hause zurückgekehrt sind.

Wir haben zu Hause lange gemeint, dass unsere Paten und Freunde fort gegangen waren, um zu arbeiten. Einige Zeit später machten Berichte die Runde, dass diese Menschen verhaftet und in Gefängnissen landeten oder getötet wurden. Ein Gefängnis war beim Gemeindeamt von Zemun. Auf dem Marktplatz habe ich den Verkäufern zugehört, wie sie sich darüber beklagten, dass ihre Pferde die Gräber am Flussufer einebnen müssen. Als sich die Wasser der Donau zurückgezogen hatten und der Strand ausgetrocknet war, da wurde der Kai im Frühling abgemauert und mit Steinen bepflastert. So wurden jene Gräben, sprich die Gräber der Ermordeten, verborgen – erzählt Eva Holjevac.

An diesem Ort, vor dem Eva ihr persönliches Geheimnis gelüftet hat, stehen, wie uns Evas Tochter Mirjana und ihre Enkelin Irena Samardzic berichten, das Restaurant "Venecija" und der Spazierweg Zemunski Kai sowie das ehemalige Wasserwerk, das die Offiziere der Kommandantur RV und PVO benutzten. So bestätigen es unsere Gesprächspartnerinnen. Viele Bewohner von Zemun wissen von diesem Ereignis, aber sie schweigen weiter. Dieses Geheimnis kennen auch ehemalige Politiker aus Zemun, die dieses Verbrechen geleitet haben.

Ich würde gerne vor einer Kommission aussagen, aber ich fürchte mich, mich öffentlich zu melden, bekennt Eva Holjevac, die es ablehnt, ein Foto von ihr zu machen. Evas Tochter, Dr. Mirjana Samardzic, hat ihre Mutter unterstützt, denn sie glaubt, dass nur die Wahrheit ihre Seele heilen kann und die historische Ungerechtigkeit ins rechte Licht rückt: Das ist eine große Entlastung für meine Mutter, sagt Mirjana.

(Dieser Bericht wurde in den serbischen Medien Anfang Februar 2010 veröffentlicht)

Zemun.jpg (178178 Byte)

 

wassertheurer.jpg (2248 Byte)

Mag. Dr. Wassertheurer Peter

Pressesprecher
Donauschwäbische Arbeitsgemeinschaft
Tel. ++43   1   710 91 50
Fax. ++43   1   718 50 06

zurück