Worte des Laien

Wir sind heute hier am Kassgraben zusammen gekommen, um eine Tradition zu pflegen, die den Opfern von Tod, Flucht und Vertreibung gilt. Es ist das gute Recht einer jeden Gemeinschaft, sich der eigenen Ahnen zu erinnern und der Öffentlichkeit das Unrecht von einst vor Augen zu führen. Die Donauschwaben tun richtig daran, sich dieses Recht nicht nehmen zu lassen. Niemandem steht das Recht zu, Ihnen dieses gute Recht zu nehmen. Wir wissen nur zu gut, dass es in den heimischen Medien zwei Arten von Opfern gibt, wobei ich seit meiner Tätigkeit im Haus der Heimat mit Unmut zur Kenntnis nehmen muss, dass die donauschwäbischen Opfer zur zweiten Kategorie gehören. Es steht außer Frage, dass die Vertreibung aus der ehemaligen Heimat ein Akt des Unrechts war, dass auch mit dem ständigen Hinweis auf das NS-System nicht aus der Welt geschaffen werden kann. Das Unrecht kennt keine guten und schlechten Opfer, sondern nur Menschen, denen zu Unrecht das Leben genommen wurde. Es kann niemals Recht sein, Menschen zu vertreiben, zu verfolgen oder gar zu töten. Wer das dennoch tut, ist nie im Recht! Ich darf an dieser Stelle auf Simon Wiesenthal verweisen, der immer wieder bei öffentlichen Auftritten darauf hingewiesen hat, dass es keine Kollektivschuld gibt. Man muss sich aber neuerlich die Frage stellen: Für wen diese Worte stehen? Ein zweites Mal nehme ich mit Unmut zur Kenntnis, dass es bis heute zur "politischen Korrektheit" gehört, die Heimatvertriebenen kollektiv zu verurteilen und sie kollektiv für eine Politik verantwortlich zu machen, die, und das soll hier endlich einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden, weder in Neusatz noch in Apatin, Hodschag oder Sombor gemacht wurde, sondern allein in Berlin. Es ist billig und einfach, auf dem Rücken von unschuldigen Opfern Geschichtsbilder zu konstruieren, die nur dem einzigen Zweck dienen, von der eigenen Schuld abzulenken. Bis zum heutigen Tag wird hierzulande der Terror gegen die Donauschwaben verschwiegen oder bestenfalls verharmlost. Und es gibt in der politischen Landschaft niemanden, der sich dagegen ausspricht, seine Stimme erhebt oder Maßnahmen erfordert, die endlich jenen den Mund verbieten, die sich mit den Henkern von einst in eine Reihe stellen. Ich habe das in Österreich schon oft gehörte: "Wehret den Anfängen!", noch nie im Zusammenhang mit einer Verharmlosung oder Relativierung der Verbrechen an den Donauschwaben vernommen. Es ist für mich als Demokrat und als einfacher Mensch eine Selbstverständlichkeit, dass kein Völkermord verharmlost werden darf, unabhängig davon, wann, warum, an wen und von wem er verübt wurde. Die Donauschwaben sind mit ihrem Schmerz allein, sie gedenken ihrer Opfern allein und werden es auch in Zukunft abseits der großen österreichischen Öffentlichkeit bleiben. Und an dieser Stelle möchte ich meine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringen, dass manche der neuen Republiken, die sich ihre Unabhängigkeit von Belgrad mit der Waffe in der Hand erkämpfen mussten, schon einen Schritt weiter sind als die Verantwortlichen hierzulande. Wir finden heute in Kroatien und Serbien Gedenkstätten, die an die Katastrophe von 1944/45 bis 1948 erinnern. Die Errichtung der eindrucksvollen Gedenkstätten in Walbach, Gakowa oder Rudolfsgnad war nur in enger Zusammenarbeit mit den örtlichen Stellen möglich. Ich kann mich noch gut an die Diskussionen vor sieben oder acht Jahren erinnern, die der Vorstand des VLÖ mit der österreichischen Politik zur Errichtung eines Mahnmals in Wien geführt hat, das an die Leiden der Heimatvertriebenen erinnern soll. Wir sind wieder auf taube Ohren gestoßen und mussten abermals zur Kenntnis nehmen, dass es vorerst dafür keinen öffentlichen Platz in Wien gibt. Was für andere Opfergruppen zu Recht eine Selbstverständlichkeit ist, bleibt den Heimatvertriebenen vorenthalten. Es wäre meiner Meinung nach hoch an der Zeit, dass die Stadt Wien gemeinsam mit der Republik Österreich eine würdige Gedenkstätte errichtet, die an die Leistungen der Heimatvertriebenen erinnert, die nach 1945 zum Wohl dieses Landes vollbracht wurden. Der Wiener Schwabenverein feiert dieses Jahr seinen 100sten Geburtstag. In diesem Zeitraum hat man sich Verdienste erworben, die bis zum heutigen Tag keine richtige Würdigung gefunden haben. Wir haben die Diskussionen der letzten Jahre aufmerksam verfolgt. Es ist müßig darauf hinzuweisen, dass all jene Gesetze und Dekrete, die für das grausame Schicksal der Heimatvertriebenen verantwortlich waren, eigentlich von der europäischen Staatengemeinschaft stillschweigend akzeptiert werden. Es wäre nach unserer Meinung eine Pflicht gewesen, deren Aufhebung als eine unbedingte Voraussetzung für einen EU-Beitritt zu fordern. Man hat jedoch abermals über die Köpfe der Betroffenen hinweg entschieden und ihnen zu verstehen gegeben, dass man sich als angebliche Werte- und Rechtsgemeinschaft über solche Altlasten bequem hinweg setzen möchte. Niemand von den Verantwortlichen hat verstanden oder wollte verstehen, welchen symbolischen Wert etwa die Aufhebung der Avnoj-Bestimmungen für die Leidensgeneration gehabt hätte. Hierbei geht es nicht nur um die Abklärung vermögensrechtlicher Sachverhalte, sondern um ein moralisches Zeichen, das allen europäischen Staaten künftig die Botschaft näher gebracht hätte, dass Gewaltverbrechen, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg an den Heimatvertriebenen verübt wurden, niemals wieder zur Anwendung kommen dürfen und als Mittel der europäischen Politik abgelehnt werden. Diese Chance hat Brüssel nicht genutzt und dafür gesorgt, dass das Unrecht von damals ohne nennenswerte Abstriche bestehen bleibt. Und es sind neuerlich die Betroffenen, denen man mit dieser Ignoranz zu verstehen gibt, dass man ihre Bedürfnisse und Anliegen nicht ernst nimmt. Die Zukunft wird darüber richten und zeigen, dass man abermals nicht richtig gehandelt hat.

Wassertheurer Peter